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Über Hymnen
Hymnen kommen – Hymnen gehen
Vortrag von Ursa Dörfer am 3. November 2012 im Bürgerhaus Kronshagen
Auch wenn das einzig Sichere auf dieser Welt der Wandel ist, werden Hymnen normalerweise nicht nur mit heiligem Ernst, sondern auch für die Ewigkeit gedichtet. Eine Kostprobe: „Teures Land, du Doppeleiche, … stehe fest und nimmer weiche, wie der Feind auch dräuen mag“. Der markige Text stammt aus unserer schleswig-holsteinischen Hymne von 1844. Da war Schleswig-Holstein ein Teil Dänemarks, und viele empfanden das Königreich als feindlich. Wer aber mag das heute noch singen? Also, dass Hymnen kommen und gehen hängt am Kommen und Gehen von Staatsgebilden und Ideologien …
Als 1945 der Krieg zu Ende war, ging es für die meisten Menschen erst einmal ums Überleben im Chaos. Als dann 1949 nach vier Jahren „Nachkriegszeit“ zwei deutsche Staaten gegründet waren und um Normalität rangen, ergab sich auch die Frage nach einem „Nationalgesang“, wie es in der DDR hieß. Zuerst fand im Parlament der Bundesrepublik eine heftige Auseinandersetzung im sog. „Hymnenstreit“ statt: Deutschlandlied – ja oder nein? Kanzler Adenauer wollte es, Bundespräsident Heuss wollte es nicht. In einer Umfrage votierten dann drei von vier Westdeutschen dafür – und als Kompromiss (einem urdemokratischen Prinzip) wurde nur die dritte Strophe zur Hymne der Bundesrepublik „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“.
Der Ministerrat der DDR reagierte auf die Entscheidung, indem er einen Hymnen-Text in Auftrag gab; Johannes R. Becher, überzeugter Kommunist und späterer Kulturminister, schrieb daraufhin „Auferstanden aus Ruinen …“ und ließ damit „Auferstanden von den Toten“ aus dem christlichen Glaubensbekenntnis anklingen, denn ein neuer Glaube sollte den alten ablösen. Drei Strophen hat dieser Nationalgesang, viel Pathos, auch Martialisches: „… wenn wir brüderlich uns einen, schlagen wir des Volkes Feind“.
Es war sicher kein Zufall, dass Bechers Text auf die Melodie von Joseph Haydn passte, die der Klassenfeind sang. Im Osten hoffte man wie im Westen auf eine Wiedervereinigung – in der DDR gern als Abstimmung mit den Füßen von West nach Ost in eine strahlende sozialistische Zukunft. Und dann hätte sich die Haydn-Melodie einfach mit den Worten „Auferstanden aus Ruinen …“ verbinden können. Diese Abstimmung trat absehbar nicht ein, und so schrieb Hanns Eisler, der renommierteste Komponist der DDR, eine neue Melodie zu Bechers Text. Da die Leute im Westen für den Sozialismus noch nicht reif waren (!), blieb es bei zwei Staaten, und in der DDR wurde die Becher/Eisler-Hymne gesungen – bis nach dem Mauerbau 1961 die Zeile mit „Deutschland einig Vaterland“ nicht mehr opportun war. Zu viele Menschen hatten die „falsche Richtung“ gewählt: von Ost nach West. So wurde schließlich der Nationalgesang nicht mehr gesungen, sondern erklang nur noch instrumental.
Die DDR ist untergegangen, und ihre Hymne ist wie so vieles nach der Wende sang- und klanglos verschwunden. Geliebt oder nicht – sicherlich schwand damit ein Stück Identität, und die Menschen mussten mit den vielen Brüchen in ihrer Biografie fertig werden.
Als die dritte Strophe des „Deutschlandliedes“ zur Hymne der Bundesrepublik wurde, war die Dichtung schon über 100 Jahre alt. Wenn man einer Anekdote glauben will, entstand diese aus Neid: Als nämlich August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1841 mit einem Schiff nach Helgoland fuhr, begrüßte die Schiffskapelle Franzosen mit der Marseillaise und Engländer mit „God save the Queen“ (Victoria), aber für die deutschen Passagiere gab es keine Musikbegrüßung. Weil es zu seiner Zeit eine unüberschaubare Zahl deutscher Staaten gab, darunter kleinste, absolutistisch regierte Fürstentümer, konnte man nicht einfach für alle Deutschen Preußens „Heil dir im Siegerkranz“ intonieren.
Also schrieb der radikale Demokrat Fallersleben die erste Hymne für alle Deutschen: „Deutschland, Deutschland über alles“ – in einem enthusiastischen Ton mit der Vision eines geeinten Deutschlands auf der Grundlage einer Verfassung mit Bürgerrechten.
Paradoxerweise wurde die Dichtung mit der Melodie des Lobpreises – Hymnos! – auf einen Kaiser verbunden „Gott erhalte Franz, den Kaiser …“. Vielleicht fand man einfach keine schönere Musik als diese von Joseph Haydn.
Zur Nationalhymne wurde das Lied erst 1922 in der Weimarer Republik. Schon 1933 dann, gleich nach der Machtaneignung der Nationalsozialisten, wurden die zweite sowie die dritte Strophe verboten! „Einigkeit und Recht und Freiheit“ waren mundtot gemacht, dagegen wurde die Strophe „Deutschland, Deutschland über alles“ immer mit einem üblen Kampfgesang der SA verkettet.
Im Lauf der Zeit ist also das Deutschlandlied gefeiert, missbraucht, zerstückelt und diskutiert worden – Dichtkunst mit Narben – und das ist aufgrund unserer Geschichte nur folgerichtig.
Von Joseph Haydn machen wir einen Sprung zu Ludwig van Beethoven: Er ist inspiriert von der Französischen Revolution mit ihrer Idee der Gleichheit aller Menschen. Aus diesem Geist dichtet Friedrich Schiller in seiner „Ode an die Freude“:
Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium,
wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.
1972 wählte der Europarat diese Musik aus Beethovens 9. Symphonie zur europäischen Hymne – ohne Gesang. Abgesehen von der Frage, in welcher Sprache denn die nicht deutschsprechenden Europäer hätten singen sollen, mochte die Zeile „Alle Menschen werden Brüder“ wohl auch schon damals nicht jede Schwester mitsingen!
Zu Brüdern und Schwestern: 1945 war in Österreich das Kaiserreich abgeschafft, und so gab es 1946 einen Wettbewerb für den Text einer Nationalhymne. Diesen gewann die österreichische Lyrikerin Paula Preradovic mit dem „Bundeslied“ Land der Berge, Land am Strome …“ mit einer Melodie, die von Mozart sein könnte (!). 2012 dann gab es eine geschlechtergerechte Änderung am Text: Es heißt nun nicht mehr Heimat großer Söhne, sondern Heimat großer Söhne und Töchter, nicht „Einig laß in Brüderchören“, sondern „Einig lass in Jubelchören, Vaterland, dir Treue schwören …“, und so wird die Hymne also jetzt gesungen.
1990 wurde der vorläufig letzte deutsche Staat gegründet, unsere Berliner Republik. Nach dem Zusammenschluss fünf neuer und elf alter Bundesländer ergab sich also die Frage nach einer gemeinsamen Hymne. Nicht wenige Menschen in Ost und West wünschten sich als Integrationssymbol für den Neuanfang Bert Brechts freundliche, schon 1950 gedichtete sogenannte „Kinderhymne“ Anmut sparet nicht noch Mühe, die tatsächlich ebenfalls ein Versmaß hat, dass das Singen mit Haydns und Eislers Melodie ermöglicht. Brecht formuliert darin ohne Pathos den Wunsch nach einem friedlichen Deutschland, das weder über noch unter anderen Völkern stehen will. Es endet mit der selbstbewussten Hoffnung auf ein Deutschland: Und das liebste mag´s uns scheinen, so wie andern Völkern ihrs.
Übrigens: Auf YOUTUBE gibt es interessante und manchmal auch wunderbare Flashmobs zu FREUDE SCHÖNER GÖTTERFUNKEN.
Ausflug mit Überraschungen
Ausflug mit Überraschungen
Südlich und nördlich des NORD – OSTSEE – KANALS gibt es schöne Wanderwege.
Gern nutzen wir deshalb die Fähre bei Landwehr für eine „kleine Kreuzfahrt“ von Holstein nach Schleswig oder von Schleswig nach Holstein. Die Überfahrt ist umsonst, weil Kaiser Wilhelm II es so für alle Zeit verfügt hat.
Wir gehen den Weg zum Kanal hinunter und hören viel Gehupe – Fußballverein? Hochzeitsgesellschaft? – und warten auf die Fähre, die noch am anderen Ufer liegt. Weder Richtung Kiel noch Richtung Brunsbüttel ist ein Schiff zu sehen, das Vorfahrt hätte. Die Fähre könnte ablegen …
Jetzt legt sie ab, hält aber nicht auf unsere Seite zu, sondern driftet nach Westen, driftet nach Osten … dreht sich also im Kreis: einmal, zweimal, dreimal, viermal – erst dann nimmt sie Kurs auf unsere Anlegestelle unter lautem Gejohle tatsächlich! einer Hochzeitsgesellschaft. Alle, die den Tanz der Fähre für das glückliche Paar im weißen VW-Käfer miterleben dürfen, lachen, winken, klatschen bis alle Autos in der Kurve verschwunden sind.
Der eigentlich nicht sehr schnacksche Fährmann erzählt uns, dass die Fähre immer, wenn ein Brautpaar mitfährt, diesen Hochzeitstanz aufführt.
Allerdings kommt das nicht oft vor, deshalb Leute, traut euch! Und schreibt uns vorher! Dann kommen wir und freuen uns mit euch und machen ein Video für unsere Verwandten in Süddeutschland!
Ursa Dörfer